Lost in Translation
Im Bereich der dialogorientierten KI dominiert die englische Sprache, was für andere Sprachen schwerwiegende strukturelle Folgen hat, die nur mit erheblichem Aufwand behoben werden können.
Wenn man ChatGPT eine komplexe Frage auf Englisch stellt, kommt recht häufig eine korrekte, gut formulierte und zum Kontext passende Antwort. Wer dasselbe auf Hindi, Bengali oder Yoruba versucht, bekommt nicht selten eine kürzere, weniger genaue und gelegentlich auch unsinnige Aussage. Auf Deutsch, Französisch oder Spanisch sind die Antworten zwar treffender – erreichen aber weder die inhaltliche noch die sprachliche Qualität einer englischen Aussage.
Generative KI hat ein klares Sprachproblem. Und das wirkt sich nicht nur auf seltene oder gefährdete Sprachen aus, sondern auch auf durchaus gängige Idiome. Das Brookings Institute beschreibt das Qualitätsgefälle als Kontinuum: von Englisch über europäische Sprachen wie Deutsch, Französisch und Spanisch bis hin zu den weltweit rund 7.000 Sprachen, von denen nur etwa 20 als „datenreich“ gelten – mit dramatisch wachsendem Abstand. Mit diesem Problem kämpfen wir immer wieder, wenn wir GenAI-Projekte durchführen. Gerade deutsche Systeme haben Probleme mit der Sprache, sind ungenauer und halluzinieren häufiger, erfinden also Inhalte, die es gar nicht gibt.
„Wenn Sprachtechnologie für Menschen in ihrer eigenen Sprache nicht funktioniert, bleibt diesen Gemeinschaften der Technologieschub verwehrt, von dem andere profitieren.“
Sanmi Koyejo, Stanford University, 2025
Das Grundproblem: Die Systeme werden in Englisch konzipiert
Diese Beobachtungen sind nicht die Folge eines einfach korrigierbaren Fehlers, sondern die Auswirkung eines strukturellen Problems, das tief in der Architektur praktisch aller Sprachmodelle verankert ist. Das Training von Language Models spiegelt die Realität dieser Welt. Die Mehrzahl aller öffentlich verfügbaren Dokumente liegt in englischer Sprache vor. Der Common-Crawl-Datensatz, die wichtigste Quelle für das Training großer Sprachmodelle, besteht zu über 40% aus englischsprachigen Inhalten – und keine andere Sprache erreicht einen Anteil von mehr als 7%. Mit anderen Worten: Die Modelle lernen aus dem, was sie sehen – und das meiste davon ist Englisch.
| Sprache | Anteil am Common Crawl | Sprecher weltweit |
Share of World Weltbevölkerung in % |
Verhältnis Web zu Sprechern |
|---|---|---|---|---|
| Englisch | 41,06 % | ~1,53 Milliarden | ~18,7 % | 2.2x |
| Deutsch | 5,98 % | ~135 Millionen | ~1,6 % | 3.7x |
| Chinesisch | 4,99 % | ~1,18 Milliarden | ~14,4 % | 0.35x |
| Spanisch | 4,66 % | ~560 Millionen | ~6,8 % | 0.7x |
| Französisch | 4,61 % | ~310 Millionen | ~3,8 % | 1.2x |
| Italienisch | 2,38 % | ~85 Millionen | ~1,0 % | 2.4x |
| Hindi | 0,22 % | ~610 Millionen | ~7,4 % | 0.03x |
Quellen: https://commoncrawl.github.io/cc-crawl-statistics/plots/languages (accessed March 30, 2026). Ethnologue 2025 (Eberhard, Simons & Fennig, eds., Ethnologue: Languages of the World, 27th ed., SIL International) — for total speaker counts (L1+L2).
Die Folge: Komplexe Anfragen im nicht-englischen Kontext können weniger präzise beantwortet werden, was sich insbesondere in fachsprachlichen Kontexten, wie zum Beispiel bei Rechts- oder Verwaltungstexten, auswirkt. Und auch wenn Deutsch als relativ „datenreiche“ Sprache vergleichsweise privilegiert ist, teilt es die strukturellen Grundprobleme in abgeschwächter Form. Doch es gibt auch Auswirkungen sekundärer Natur: Anweisungen zur Filterung von problematischen Inhalten – z.B. Hasskommentare oder Aussagen, die auf schwere psychische Probleme hindeuten – werden primär in Englisch konzipiert und trainiert. Entsprechend verlieren sie ihre Präzision in anderen Sprachen. Dadurch werden derartige Aussagen häufiger übersehen oder auch zu Unrecht herausgefiltert.
Diese Probleme akzentuieren sich noch bei der Verwendung von kleineren Modellen (sogenannte Small and Medium Language Models mit unter 15 bzw. 100 Mrd. Parametern). Diese Modelle, die vor allem auch für Retrieval-getriebene Lösungen (RAG) im Standalone-Betrieb geeignet sind und damit auch die vielen Datenschutzprobleme mit Cloudanbindungen umschiffen, sind im Nicht-Englischen noch ungelenker als die großen Modelle. In einigen Fällen gibt es spezifische Erweiterungen, wie die Embeddings der Berliner Firma Jina für die kleinen Gemma-Sprachmodelle, aber auch diese lösen das Grundproblem nicht vollständig. Selbst Mistral, die europäische LLM-Alternative aus Frankreich, performt auf Englisch besser als in den eigentlichen Zielsprachen Deutsch und Englisch. In den Standard-Benchmarks wirkt sich das noch nicht gravierend aus.
Zusammenfassung: Deutsch ist aufwändiger
Das Brookings Institut nutzte ein noch immer sehr zutreffendes Zitat als Ausgangspunkt seiner Analyse der KI-Sprachlücke 2024:
"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."
Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Philosoph
Die Sprache, in der man arbeitet, bestimmt nachweislich, was KI leisten kann. Für Menschen, die kein Englisch sprechen, bedeutet das einen handfesten Nachteil – in einer Welt, in der dialogorientierte KI zunehmend zum nützlichen Werkzeug für Problemlösung und Texterstellung wird.
Aus geschäftlicher Sicht überrascht es daher nicht, dass nicht-englischsprachige Conversational-AI-Projekte regelmäßig hinter den Erwartungen zurückbleiben und oft schon am Prototyp scheitern. Konsequent unterschätzt wird der Mehraufwand: Grundlagentraining des Modells für die sprachlichen Muster der Anwendung, eine gut konzipierte RAG-Pipeline und sorgfältiges Fine-Tuning der Sprachgenerierung. All das macht eine gute KI-Umsetzung in nicht-englischsprachigen Umgebungen teurer.
Das kostet Zeit, Geld und ein bewusstes Bekenntnis zu sprachlicher Vielfalt im Entwicklungsprozess. Der erste Schritt ist aber, die Lücke überhaupt anzuerkennen. Wer sie ignoriert, zahlt den Preis: eine KI-Anwendung, die wenig – oder schlimmer: negativen – Wert liefert.
Referenzen und weitere Quellen
Datenquellen
Common Crawl. (2026). Crawl statistics: Distribution of languages. commoncrawl.github.io/cc-crawl-statistics/plots/languages.
Eberhard, D. M., Simons, G. F., & Fennig, C. D. (Eds.). (2025). Ethnologue: Languages of the world (27th ed.). SIL International.
Studien
Alhanai, T., Kasumovic, A., Ghassemi, M., Zitzelberger, A., Lundin, J., & Chabot-Couture, G. (2025). Bridging the gap: Enhancing LLM performance for low-resource African languages with new benchmarks, fine-tuning, and cultural adjustments. Proceedings of AAAI 2025. arXiv:2412.12417.
Stanford HAI, The Asia Foundation, & University of Pretoria. (2025, April 22). Mind the (language) gap: Mapping the challenges of LLM development in low-resource language contexts. Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence white paper.
Lynch, S. (2025, May 19). How AI is leaving non-English speakers behind. Interview with Sanmi Koyejo. Stanford Report.
Yang et al. (2024). Problematic tokens: Tokenizer bias in large language models. IEEE Special Session on Privacy and Security of Big Data (PSBD 2024). arXiv:2406.11214.
Primärquellen
Wittgenstein, L. (1922). Tractatus logico-philosophicus, Proposition 5.6.